Das System One Coin

Mechanismus und Erfolgsfaktoren des 300 Milliarden Euro Betruges

Prof. Dr. Michaela Hönig von der Frankfurt University of applied Sciences hat seit 2016 die Entwicklung verfolgt und wissenschaftlich das Geschäftsmodell von One Coin untersucht. Unter anderem war Sie auch Sachverständige in dem Thema gefragt.

Es gibt neue Erkenntnisse zum Verbleib von Ignatova, die in der neuen ARD-Doku „Die Kryptoqueen“ von Autor Johan von Mirbach (Mediathek) erwähnt werden. „Wir gehen davon aus oder arbeiten mit der Hypothese, dass Ruja Ignatova noch am Leben ist“, sagt Sabine Dässel, Sprecherin beim LKA Düsseldorf. Demnach könnte sich Ignatova seit Jahren in Südafrika vor der Justiz verstecken.

OneCoin ist ein als Kryptowährung vermarktetes Finanztransfersystem, mit durch die Firmen OneCoin Ltd (Dubai), und OneLife Network Ltd (Belize) gehosteter, angeblicher Blockchain, deren Existenz bis heute (Stand März 2021) nicht bewiesen ist. Beide Unternehmen wurden durch Ruja Ignatova und Sebastion Greenwood gegründet. Der aktive Vertrieb lief vom Januar 2015 gut zwei Jahre. Seit 2017 erfolgten in verschiedenen Ländern die ersten Verbote durch die Finanzbehörden und Zentralbanken. Verdacht zu Betrug, Geldwäsche und Schneeballsystemen wurden erstmals geäußert. Die Schadenssumme wird weltweit auf über 3. Mrd. U$ geschätzt. Seit Oktober 2017 ist Ruja Ignatova untergetaucht, noch immer wird weltweit nach ihr gefahndet.

Die Geschäftsstruktur von OneCoin ist als Multi-Level-Marketing (MLM) mit Elementen eines Initial Coin Offering (ICO) einzustufen. Bei MLM werden Kunden angehalten, als selbständige Vertriebspartner weitere Kunden anzuwerben. Je nach Aufbau können Netzwerk-Marketing-Systeme einem illegalen Schneeballsystem ähneln oder ein solches als Netzwerk-Marketing ausgeben. In Deutschland sind bestimmte Formen des Multi-Level-Marketing strafbar.

Initial Coin Offering (ICO) ist eine neue, digitale Form der Finanzmittelbeschaffung und als Weiterentwicklung des Crowdfunding einzustufen. OneCoin Ltd hat Schulungspakete für Börsen-und Finanzwissen in unterschiedlichen Ausprägungen und Wert angeboten und verkauft. Das Produkt „Schulungspakete“ ist keine Finanzdienstleistung und bedarf daher keiner aufsichtsrechtlichen Genehmigung.

Die Anleger haben für Ihr eingezahltes Geld neben dem Schulungspaket eine Gutschrift von Tokens in Ihrem Wallet erhalten. Aus den Tokens sollte durch Mining bei One Coin Limited selbst – dann irgendwann die Kryptowährung „OneCoin“, analog Bitcoin werden. Der Token wurde an keiner externen Kryptobörse gehandelt, sondern auf der privaten Blockchain von One Coin Limited gehostet. Anders wie bei Bitcoin bestand kein Peer-to-Peer-Netzwerk, d.h. das Mining erfolgte angeblich nur durch OneLife Network Ltd in Belize, ebenso die komplette Datenhaltung. Die Existenz dieser Blockchain wird bis heute angezweifelt.

Der auf der Unternehmensplattform angezeigte Token-Wert wurde betrügerisch systematisch in bestimmten Intervallen nach oben gesetzt und somit das Bild einer exorbitanten Wertsteigerung des Tokens vermittelt. Bei Start von OneCoin im Januar 2015 wurde ein Token mit einem umgerechneten Wert von 0,50 Euro angegeben und systematisch gesteigert bis zum Ende hin auf 29,95 Euro. Die Geschäftsstory war das OneCoin erfolgreicher und stabiler läuft als Bitcoin und auch der Kurswert höher sein werde wie bei Bitcoin.

Die Bafin hat die Verbreitung und Aktivitäten von OneCoin in Deutschland seit Februar 2017 verboten. Die IMS International Marketing Services GmbH fungierte als deutscher Zahlungsvermittler. Ein Großteil der Gelder wurden von IMS zur OneCoin Ltd (Dubai) transferiert. Die BaFin hat alle Konten gesperrt, die für OneCoin Transaktionen benutzt wurden. In Deutschland gibt es circa 60.000 Geschädigte. Die Höhe der nur bei IMS verzeichneten Gelder liegen bei circa 380 Mio. Euro. Das Landgericht Münster hat die Anklage gegen zwei Inhaber von IMS erhoben. Der Prozess startet im September 2021.

Die meisten in die Führung von OneCoin involvierten Personen sind in Haft oder gelten als untergetaucht. Gegen Ruja Ignatova und OneCoin wird in mindestens 20 Strafverfolgungsbehörden auf der ganzen Welt ermittelt. Ruja Ignatovas Bruder, Konstantin Ignatov, wurde im März 2019 verhaftet und im November 2019 wurde durch eine US-Staatsanwaltschaft Anklage wegen Geldwäsche und Betrug erhoben. Frank Schneider, Unternehmer und einstiger zweiter Mann beim 60 Mitarbeiter zählenden luxemburgischen Geheimdienst SREL, sitzt in Frankreich auf Ersuchen von US-Behörden in Auslieferungshaft bis zur von den USA beantragten Auslieferung in die USA.

Das Konzept OneCoin läuft heute in über 40 Länder in verschiedenen vertrieblichen Erscheinungsformen weiter. Dies hat die Forschungsgruppe von Prof. Michaela Hönig erhoben. Onecoin Aktivitäten wurden in über 200 Social Media Accounts von Instagram, Facebook, Telegramm analysiert. Eine Dunkelziffer läuft über private Whatsapp–Gruppen. Die Untersuchungen dauern noch an und sind noch nicht abgeschlossen.

Abbildung 1: Rot eingefärbt nachgewiesene OneCoin Aktivitäten auf Social Media, Quelle (Hönig 2021)

Die Accounts verteilen sich zu je 45% auf Facebook und Instagram, 10% laufen auf Telegramm. Zu verzeichnen ist eine Volatilität in der Sichtbarkeit und aktiven Nutzung der Accounts in südamerikanischen und afrikanischen Ländern. Neue kommen dazu, andere sind seit Monaten/Jahren inaktiv. In welchem Land der Account liegt ist in über 10% der Fälle nicht nachzuvollziehen. Aus unserer Bewertung handelt es sich bei dreiviertel der Accounts nicht um kommerzielle, sondern private User ohne ein professionell dahinterstehendes Management. Die größte aktive Gruppe ist die Facebook Gruppe OneLife (Onecoin Dealshaker) mit 60.990 Mitgliedern, die auch aktiv Events und Konsumgüter bewirbt so auch – The Rise One Ecosystem in Bulgarien im Juli 2021. Die höchste Anzahl der Gruppen sind in afrikanischen Ländern, in Russland und im Nahen Osten allen voran Pakistan zu verzeichnen. In den europäischen Ländern sind 90% der Accounts überwiegend seit 2017 nicht mehr aktiv.

Erfolgsfaktoren von OneCoin

  • Reale Auftritte Ignatova

Mit ihrer vermeintlichen Seriosität. Ignatova sorgte mit ihren Reden, YouTube-Videos und nicht zuletzt mit ihrem Lebenslauf für Vertrauen. Sie konnte Abschlüsse der Universitäten Konstanz und Oxford vorweisen und promovierte in Jura. Später arbeitete sie als Finanzexpertin. Sie ist in Deutschland zur Schule gegangen. Sie verwendet in Ihren Reden eine auch für Laien einfach Sprache mit Wörtern, die positiv mit Erfolg, Wohlstand und Glück belegt sind. Sie weist wiederholt auf die rapide Entwicklung des Unternehmens, und verspricht eine Vervielfachung der Investition Die Auftritte sind eine große Show, wie bei Sport/Pop Star-Veranstaltungen: Goldregen, Feuer, Musik, große Anmoderation. Sie ist eine Frau und spricht von Charité von Aufbau von Waisen und Krankenhäusern in Entwicklungsländern. Diese Äußerungen und Verhaltensweisen ließen keine Betrügerin vermuten.

  • Nutzung Bitcoins-Hypes ab 2015: Versprechen das Onecoin zur Zeit des Bitcoin-Hypes, zur erfolgreichsten, weitverbreitetste und stabilsten Kryptowährung werden wird.
  • Professionelles und gut durchdachtes Netzwerk-Marketing.

Warb ein Anleger einen weiteren, erhielt er eine Provision. Und nicht nur er, sondern auch derjenige, der ihn zuvor angeworben hat. Das ist bis dahin nicht illegal. Steht aber kein Wert hinter dem Produkt, ist es ein klassisches Schneeballsystem, das sich nur durch den Verkauf weiterer Produkte aufrechterhalten lässt. Das Unternehmen verkauft Coins oder noch Token nicht direkt. Onecoin verkaufte Anlegern sogenannte Bildungspakete. Mit den Paketen erhielten sie Zugriff auf ein Online-Portal mit einigen Handbüchern und Videos zu Onecoin und Kryptowährungen und – je nach Paket – (angebliche) Ankaufsrechte für OneCoins – Token. (kann man vergleichen mit Vorzugsaktien bei einem Börsengang) Für eingezahlte 5.000 Euro gab es ein 60.000 Token. Ende 2015 wurde 1 Onecoin umgerechnet mit 4€ auf der Plattform angegeben. 4€*60.000 Token ergaben dann für den Laien 240.000€ bei einem Einsatz von 5.000€ also eine 48-fache Vervielfältigung der Investition. Das Geschäftsmodell von OneCoin war es, Schulungspakete für Token zu verkaufen. Dadurch wurde umgangen, dass ein Finanzprodukt in Form einer Kryptowährung bzw. ein ICO direkt verkauft wurde. OneCoin und OneLife haben sich stets darauf berufen, lediglich Schulungspakete“ zu verkaufen, damit war Onecoin aufsichtsrechliche nicht angreifbar.

  • Anreizsystem im hauseigenen Shop oder anderen Dienstleistungen wie günstige Autos, oder andere Konsumgüter. Je mehr der Investor für ein Paket bezahlt hat, desto mehr Token hatte er. Mit den Tokens konnten die Kunden auf der hauseigenen Plattform DealShaker handeln. Dort haben Händler und Shops ihre Dienste und Produkte angeboten.
  • Verkaufsveranstaltungen wie Pop-Konzerte
  • Psychologische Gamingeffekte im Konzept
  • Suggeriertes schnelles Wachstum: Die Promoter von Onecoin haben den Kurs selbst manipuliert und linear gesteigert. Von daher wurden den Anleger vorgegaukelt, dass es eine Vervielfachung Ihrer Investition stattfindet. Im Vergleich zu bisherigen Schneeballsystemen haben OneCoin verstärkt Social-Media-Kanäle und private Whatsapp Gruppen genutzt, das hat zu einem exponentiellen Wachstum geführt.

Einordnung von Multi-Level-Marketing und Abgrenzung zu Ponzi- und Schneeballsystemen 

Schwierigkeiten bereitet oft die Abgrenzung illegaler Schneeballsysteme von legalem Strukturvertrieb oder Multi-Level-Marketing. Der Übergang ist fließend und teilweise nicht alleine von der Ausgestaltung der Regeln, sondern auch deren faktischer Umsetzung abhängig. Grundfrage für die Abgrenzung ist: Würde der Kunde das angebotene Produkt erwerben, selbst wenn er keine Provision für die Vermittlung von Neukunden erhielte?

Bei einem Schneeballsystem steht regelmäßig die Verdienstmöglichkeit für die Anwerbung von Neukunden im Vordergrund. Dies zeigt sich bereits bei der Ansprache: Bei Schneeballsystemen wird mit Verdienstmöglichkeiten statt mit Konsumprodukten geworben. Bei zulässigem Multi-Level-Marketing wird das Produkt hauptsächlich an Verbraucher vertrieben, die nicht gleichzeitig Teil des Vertriebssystems werden, oder es wird ein legitimes Konsumentennetzwerk aufgebaut, bei dem die Vertriebspartner gleichzeitig die Konsumenten sind. Hier werden evtl. Kosten für Warentransport, Werbung und sonstige betriebliche Aufwendungen (Lohnnebenkosten, Mieten der Geschäftsräume, Großhandelsmarge etc.) eingespart und stattdessen als Bonus an die Vertriebspartner ausgeschüttet.

  • Beim Ponzi System ist der Gründer/Betreiber den Anleger bekannt (trifft auch auf Ruja zu), die Quelle der Gewinnausschüttung wird aber verschleiert. (Bei One Coin wurde sehr transparent die Kursentwicklung des Tokens und die Vervielfachung der Investition den Anlegern gezeigt.
  • Beim klassischen Schneeballsystem ist es meist umgekehrt: Neuteilnehmer haben selten zum Gründer Kontakt, während aber die Quelle der Gewinnausschüttung transparent ist. (nur letzteres trifft auf One Coin zu)

Warum konnte OneCoin nicht früher angeklagt werden?

ICO agierten weltweit im Internet – gegenüber nationalen realen Aufsichtsbehörden, deren Einwirkungsrecht national begrenzt ist. Nutzung von Rechtslücken in Schwellenländern (One Coin Network in Belize). Schwierigkeiten bereitet oft die Abgrenzung illegaler Schneeballsysteme von legalem Strukturvertrieb oder Multi-Level-Marketing. Der Übergang ist fließend und teilweise nicht alleine von der Ausgestaltung der Regeln, sondern auch deren faktischer Umsetzung abhängig. Das Geschäftsmodell von OneCoin war es, Schulungspakete für Token zu verkaufen. Dadurch wurde umgangen, dass ein Finanzprodukt in Form einer Kryptowährung bzw. ein ICO direkt verkauft wurde. OneCoin und OneLife haben sich stets darauf berufen, lediglich Schulungspakete“ zu verkaufen, damit war Onecoin aufsichtsrechliche nicht angreifbar. Das Geschäftsmodell von Onecoin war es, Schulungspakete für Token zu verkaufen. Dadurch wurde umgangen, dass ein Finanzprodukt in Form einer Kryptowährung bzw. ein ICO direkt verkauft wurde. Onecoin und OneLife haben sich stets darauf berufen, lediglich „Schulungspakete“ zu verkaufen. Deutsche und europäische Aufsichtsbehörden warnen Anleger vor ICO und Krypto Anlagen seit 2015. Problem ist die weltweite internationale Operation über das Internet und mangelnde Kontrollmöglichkeiten außerhalb des Rechtsgebietes. Onecoin Hauptsitz Sofia, OneCoin Ltd (Dubai), und OneLife Network Ltd (Belize) und etliche Briefkastenfirmen weltweit (Wie hoch die Anzahl ist nicht bekannt)